München: Werksviertel (05.03.2026)

München

Datum: 05.03.2026
Kamera: iPhone 15 Pro Max


Inhaltsverzeichnis


Ich bin wieder einmal zu Besuch in München. Das Enkelkind lockt doch sehr.

Kurz nach meiner Ankunft machen wir noch eine kleine Runde mit dem Kinderwagen. Meine Tochter zeigt mir das benachbarte Werksviertel. Ich bin begeistert und fange daheim das Recherchieren an.

Das Werksviertel in München ist ein Stadtquartier, das wie kaum ein anderes die Transformation von der Industrie über das Nachtleben hin zu einem gemischt genutzten, urbanen Viertel verkörpert.

Seine Geschichte, Architektur und heutigen Nutzungen sind eng miteinander verwoben.

Werksviertel München: Von der Industriezone zum Pfanni-Areal

Das Areal hinter dem Münchner Ostbahnhof wurde bereits 1904 als Industriegebiet geplant, blieb aber zunächst nur teilweise bebaut. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte eine systematische Ansiedlung von Betrieben ein, die das Gebiet über Jahrzehnte prägten.

Vier große Unternehmen bestimmten die Nutzung: Rohde+Schwarz, die Spedition Rhenania, Pfanni sowie die Industrieverwaltungsgesellschaft.

Vor allem Pfanni entwickelte sich zum Symbol des Ortes, da hier in großem Stil Kartoffelprodukte produziert, verarbeitet und verpackt wurden; das heutige WERK1 war etwa das frühere Pfanni Werk 1 mit Laboren und Verpackung.

Die Gebäude aus den 1950er- und 1960er‑Jahren waren funktional-modern gestaltet und legten den architektonischen Grundstock, an den spätere Planungen bewusst anknüpfen.

Ab den 1970er‑Jahren setzte der Strukturwandel ein, viele Betriebe gaben ihren Standort auf oder verlagerten die Produktion.

In der Folge standen große Hallen leer und bildeten die räumliche Grundlage für völlig neue Nutzungen, zunächst als brachliegende Industriezonen, später als Experimentierfeld für Kultur, Nachtleben und Kreative.

Werksviertel München: Kunstpark Ost, Kultfabrik und Clubkultur

Mit der Schließung der Pfanni-Produktion Mitte der 1990er‑Jahre öffnete sich das Gelände für Zwischennutzungen. 1996 entstand hier der Kunstpark Ost, der bis zu dreißig Diskotheken, Clubs, Bars, Restaurants, Ateliers und Kleinunternehmen beherbergte.

Legendäre Clubs wie Ultraschall, K 41, die Milchbar oder das Harry Klein machten das Areal zeitweise zu „Europas größter Partymeile“ und zogen vor allem am Wochenende Besucherinnen und Besucher aus ganz Süddeutschland an.

Parallel siedelten sich Künstler und Kreative in den günstigen Ateliers und Werkstätten an, die in den ehemaligen Industriehallen entstanden. Soziale Einrichtungen mit Angeboten für Kinder und Familien ergänzten das Bild, sodass sich ein vielschichtiger, alternativer Mikrokosmos entwickelte.

Diese Phase als Kunstpark Ost, später Kultfabrik und Optimolgelände, prägte die Identität des Ortes und zeigte, wie viel urbanes Leben sich bereits in vorhandenen Bauten entfalten konnte.

Ende Januar 2003 wurde der Kunstpark Ost in seiner ursprünglichen Form aufgelöst, doch die Nutzung als Party- und Kulturareal hielt in anderen Konstellationen noch einige Jahre an.

Für die späteren Planer des Werksviertels München war diese Zwischennutzung ein wichtiger Impuls:

Wenn ohne Neubauten derart viel Leben entstehen konnte, musste eine zukünftige Entwicklung diesen Geist aufnehmen, statt ihn zu verdrängen.

Werksviertel München: Der städtebauliche Neustart

Mit dem Auslaufen der Clubnutzungen wuchs der Druck, die zentral gelegene Fläche planvoll neu zu entwickeln. Die Stadt München reduzierte das Planungsgebiet auf rund 39 Hektar östlich der Bahn und definierte das sogenannte Werksviertel als städtebauliches Schlüsselprojekt.

Die Eigentümer beauftragten das Büro Steidle Architekten gemeinsam mit Freiraum Landschaftsarchitekten damit, einen Strukturplan weiterzuentwickeln, der Industriegeschichte, Clubkultur und zeitgemäßen Städtebau zusammenführen sollte.

Wesentlichen Wert legte das Konzept auf den Erhalt identitätsstiftender Hallen:

Insbesondere vier Gebäude der ehemaligen Kultfabrik sollten als bauliche Zeugnisse und räumliche Anker erhalten bleiben.

Auf dieser Grundlage beschloss der Stadtrat im Oktober 2011 die Aufstellung eines Bebauungsplans mit Grünordnung, der das Leitbild „kompakt, urban, grün“ für das neue Viertel festschrieb.

Dieses Leitbild zielt auf ein enges Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur und Freizeit auf relativ kleinem Raum.

Ein etwa 1,3 Hektar großer zentraler Park bildet dabei das grüne Herz des Quartiers, von dem aus sich ein Netz von Grün- und Freiflächen durch das Gebiet zieht.

Einzelne Hochhäuser mit Höhen zwischen 60 und 86 Metern setzen städtebauliche Akzente und markieren das Werksviertel weithin sichtbar am Ostbahnhof München.

Weksviertel München: Architekten und architektonische Haltung

Das Werksviertel-Mitte als Kern des neuen Quartiers wurde bewusst nicht von einem einzigen Architekturbüro gestaltet. Stattdessen entwarfen vier Büros – darunter Steidle Architekten und weitere, auf den industriellen Bestand spezialisierte Teams – unterschiedliche Gebäude, die jeweils eigene Wege finden, die Geschichte des Ortes in eine neue Formensprache zu übersetzen.

Zentral ist die Haltung, die industrielle Vergangenheit nicht zu verdrängen, sondern durch Umbau, Ergänzung und teilweise Neubau sichtbar weiterzuschreiben.

Viele der früheren Industriegebäude der Firma Pfanni wurden revitalisiert, sodass ein spannungsreicher Kontrast zwischen alten Baukörpern und neuen Ergänzungen entstanden ist.

Die Architektur knüpft dabei oft an die klare, funktionale Gestalt der 1950er- und 1960er‑Jahre an, interpretiert sie aber mit zeitgenössischen Mitteln wie großformatigen Öffnungen, gegliederten Fassaden und begrünten Dachflächen.

Das Gebäude, einst Pfanni Werk 1, wurde zunächst nach der Clubära als Medien- und Technologiezentrum genutzt und Anfang der 2010er‑Jahre zu einem digitalen Gründungszentrum umgebaut.

2023 kam mit dem Erweiterungsbau „Werk 1.4“ ein weiterer Baustein hinzu, der zusätzliche Arbeitsräume sowie Coliving-Einheiten für Gründerinnen und Gründer bietet und durch begrünte Dachterrassen Orte der Begegnung schafft.

Solche Projekte zeigen die konsequente Verbindung von Altbestand, neuen Programmen und sozialer Durchmischung, die die Planer als Markenzeichen des Viertels verstehen.

Werksviertel München: Heutige Nutzungen und programmatische Mischung

Das neue Werksviertel in München umfasst auf rund 39 Hektar etwa 1.150 Wohnungen und rund 7.000 Arbeitsplätze.

Rund 340 dieser Wohnungen entstehen im geförderten Wohnungsbau, um soziale Vielfalt im Quartier zu sichern. Die Wohnbauten sind überwiegend in Blockrandstruktur mit fünf bis acht Geschossen organisiert, verfügen über grüne Innenhöfe und werden durch angrenzende Gewerbe- und Kerngebiete vom Lärm von Bahn und Straßen abgeschirmt. Fast jede Wohnung erhält eine Dachterrasse, einen Garten oder eine Loggia als „grünes Wohnzimmer“, wodurch private und gemeinschaftliche Freiräume eng verzahnt sind.

Neben dem Wohnen bilden Büros und moderne Arbeitswelten ein zweites starkes Standbein des Viertels.

Hier siedeln sich Start-ups, Kreativunternehmen und etablierte Firmen an, die von der Nähe zum Ostbahnhof, der urbanen Atmosphäre und der besonderen Geschichte des Orts profitieren. Das Quartier bietet zudem einen Konzertsaal, Hotel- und Gastronomieangebote, Einzelhandel, eine vierzügige Grundschule, mehrere Kindertagesstätten und ein Jugendhaus. Damit wird der Anspruch eingelöst, alle wesentlichen Nutzungen des täglichen Lebens zu konzentrieren und kurze Wege zu ermöglichen.

Auch die kulturelle DNA des früheren Kunstpark Ost bleibt in neuer Form präsent. Clubs, Veranstaltungsorte, Ateliers und Kreativflächen sind weiterhin Teil des Programms, wenn auch in stärker integrierter, teilweise lärmschutzoptimierter Form.

Die Energie- und Wärmeversorgung des Werksviertels-Mitte setzt auf eine eigenständige, dezentrale Struktur mit Nutzung von Umwelt- und Abwärme, um hohen Umwelt- und Effizienzanforderungen zu entsprechen.


Werksviertel München – fotografische Impressionen


error: Content is protected !!