Helmut Newton
Thema: Polaroids
Zeitraum: 15.10.2025 – 22.02.2026
Ort: Kunstfoyer der Kulturstiftung Versicherungskammer
Kunstfoyer
Thierschplatz 6
80538 München
Telefon: 089 / 2160 2244
Eintritt: frei
Website: https://helmut-newton-foundation.org
Kamera: iPhone 15 Pro Max

Inhaltsverzeichnis
Mein Besuch der Ausstellung am 15.01.2026
Ein bisschen Kultur darf sein, auch wenn ich München aus primär familiären Gründen besuche.
Nach eingehender Internetrecherche stieß ich auf die Ausstellung mit Polaroidfotos von Helmut Newton. Das Fotobuch Helmut Newton Polaroids, erschienen vor einigen Jahren beim Verlag Taschen, steht schon einige Jahre bei mir im Regal, allerdings nicht in unmittelbarer Nähe seiner ultimativen schwergewichtigen und übergrossen Werkschau SUMO.
Biografie
Helmut Newton (geboren als Helmut Neustädter am 31. Oktober 1920 in Berlin, gestorben am 23. Januar 2004 in Los Angeles) gilt als einer der einflussreichsten Mode- und Aktfotografen des 20. Jahrhunderts.
Aufgewachsen in einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie, entdeckte er früh seine Faszination für die Kamera und begann bereits als Jugendlicher intensiv zu fotografieren.
1936 trat Newton eine Lehre bei der Berliner Porträt‑, Akt- und Modefotografin Yva (Else Neuländer-Simon) an, deren Studio für seine moderne, von Glamour und urbaner Eleganz geprägte Bildsprache bekannt war. Die Lehrjahre bei Yva prägten Newtons Gespür für Inszenierung, Lichtführung und die dramatische Wirkung des weiblichen Körpers vor der Kamera.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Yva ihr Atelier schließen; Newton, als Jude verfolgt, floh 1938 aus Berlin über Triest nach Singapur. Dort arbeitete er kurzzeitig als Fotoreporter, bevor er während des Kriegs nach Australien gelangte.
Nach Kriegsende ließ er sich in Melbourne nieder, eröffnete 1946 ein eigenes Fotostudio und nahm 1947 die australische Staatsbürgerschaft an. 1948 heiratete er die Schauspielerin June Brunell, die später selbst als Fotografin unter dem Namen Alice Springs bekannt wurde und mit der er zeitlebens eine enge private und künstlerische Partnerschaft verband.
In den 1950er Jahren arbeitete Newton erfolgreich für die australische „Vogue“ und entwickelte sich Schritt für Schritt vom Studio-Porträtisten zum international gefragten Modefotografen.
1961 zog das Paar nach Paris, wo Newton für die französische „Vogue“ und zahlreiche weitere internationale Magazine arbeitete und jenen unverwechselbaren Stil schärfte, der ihn berühmt machte: harte Kontraste, oft nächtliche Stadträume, selbstbewusste weibliche Figuren, die Erotik mit einer kühlen, bisweilen bedrohlichen Distanz verbinden.
In Serien wie „Naked and Dressed“ und den „Big Nudes“ trieb er die Radikalisierung zwischen Mode- und Aktfotografie voran und lotete die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten aus.
Seine Bilder wurden zu Kristallisationspunkten der sexuellen Revolution und reflektierten zugleich Macht, Begehren und Rollenspiele in der spätmodernen Gesellschaft.
Seit den 1970er Jahren gehörte Newton zu den meistgebuchten und teuersten Mode‑, Porträt- und Werbefotografen der Welt; er fotografierte für Magazine wie „Vogue“, „Harper’s Bazaar“ und „Vanity Fair“ und porträtierte Politikerinnen, Filmstars und Künstlerinnen.
Parallel erschienen erfolgreiche Bildbände wie „White Women“, „Sleepless Nights“ und „Big Nudes“, die sein Werk in museale und sammlerische Kontexte überführten.
Newton lebte und arbeitete zuletzt vor allem in Monte Carlo und Los Angeles, wo er 2004 an den Folgen eines Autounfalls starb. Sein Nachlass wird von der Helmut Newton Stiftung in Berlin betreut, die sein Werk bis heute mit Ausstellungen, Publikationen und Forschung präsent hält und weiter aufarbeitet.
Ausstellung im Kunstfoyer der Versicherungskammer
Die Ausstellung „Helmut Newton. Polaroids“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München zeigt Helmut Newtons Sofortbilder als eigenständige, autonome Bildwelt und macht den kreativen Prozess hinter seinen ikonischen Arbeiten sichtbar.
Über 150 Polaroids entfalten dabei ein vielschichtiges Panorama zwischen Modearbeit, Fantasie und experimenteller Spielfreude.
Ort, Rahmen und Laufzeit
Das Kunstfoyer setzt damit seine Linie fort, Fotografie als eigenständiges künstlerisches Medium in konzentrierten monografischen Präsentationen zu zeigen. Die Newton-Schau wird von einem Rahmenprogramm mit Führungen begleitet, darunter Termine mit dem Fotohistoriker Hans-Michael Koetzle, der Newtons Werk seit Jahren wissenschaftlich begleitet.
Polaroid als Arbeitsmittel und Ideenskizze
Für Helmut Newton war das Polaroid in erster Linie ein Werkzeug der Arbeit am Bild, eine Art fotografische Ideenskizze, mit der er Licht, Pose und Komposition unmittelbar überprüfen konnte.
Die Sofortbildtechnik entsprach seiner berühmten Ungeduld: Newton wollte in Sekunden sehen, ob die inszenierte Situation in eine schlüssige Bildidee mündete, bevor er auf „richtigem“ Film mit der Spiegelreflexkamera auslöste. Newton war eben noch durch und durch in der analogen Fotografie daheim.
Seit den 1960er-Jahren nutzte er unterschiedliche Polaroid-Kameras und Sofortbild-Rückteile an seinen Mittelformatkameras, sodass das Polaroid bei Modeaufträgen fast immer am Anfang der Bildfindung stand.
Während einige dieser kleinen Unikate als Geste der „Kooperation“ an Auftraggeberinnen, Auftraggeber und Models verschenkt wurden, behielt Newton andere wie einen Schatz in seinem Archiv zurück – genau diese Bestände bilden heute das Herz der Ausstellung.
Aufbau der Schau und ästhetische Erfahrungsräume
Im Kunstfoyer werden die Polaroids in unterschiedlichen Präsentationsformen gezeigt: individuell gerahmte SX‑70- und Polacolor-Prints stehen neben Vergrößerungen, die das kleine Originalformat in eine körperlich erfahrbare Bildfläche übersetzen. Insgesamt versammelt die Schau über 150 Arbeiten, die in ihrer Dichte einen seltenen, fast intimen Blick auf Newtons Denk- und Arbeitsweise eröffnen.
Kuratorisch lebt die Präsentation von der Spannung zwischen den materiell gealterten, oft beriebenen Unikaten und den klar strukturierten Räumen des Kunstfoyers, die den Bildern die nötige Luft zum Atmen geben.
Die Betrachterinnen und Betrachter werden dazu eingeladen, die Polaroids nicht nur als Vorstufen bekannter Ikonen zu lesen, sondern als eigenständige Bildereignisse mit eigener Farbigkeit, eigener Körnigkeit und eigenen Zufälligkeiten. An die kleinformatigen Originale muss man allerdings schon sehr dicht, geradezu voyeuristisch, herantreten.
Handschrift, Gebrauchsspuren und Autonomie des Materials
Charakteristisch für viele der gezeigten Polaroids sind Newtons handschriftliche Anmerkungen am Bildrand: Notizen zu Models, Kunden, Aufnahmeort oder Datum, manchmal auch knappe Kommentare zur Stimmung am Set. Diese Ergänzungen machen die Sofortbilder zu Arbeitsblättern, auf denen sich die Produktionsbedingungen der Mode- und Werbefotografie unmittelbar ablesen lassen.
Die Unschärfen, Kratzer und Gebrauchsspuren der kleinen Originale treten in der Ausstellung nicht in den Hintergrund, sondern werden bewusst sichtbar gehalten und – in den Vergrößerungen – in den Ausstellungsraum hineingezogen. Gerade diese materielle Fragilität verleiht den Polaroids heute einen autonomen Status, der weit über ihre Funktion als Zwischenstufe im Workflow hinausgeht.
Newtons Stil im „unberechenbaren“ Medium
Polaroidfilm ist berüchtigt für seine Unberechenbarkeit: Farbverschiebungen, eigenwillige Kontrastverläufe und eine oft milchige Brillanz schreiben dem Bild eine spezifische Ästhetik ein.
In den ausgestellten Polaroids trifft diese technische Eigenwilligkeit auf seinen klaren, oft radikal inszenierten Stil, der Körper, Mode und Raum in präzise Arrangements zwingt.
Die Ausstellung macht sichtbar, wie sich in der Reibung von Kontrolle und Zufall neue Bildqualitäten ergeben: Die schnelle Skizze trifft auf den kalkulierten Blick des Starfotografen, der seine visuelle Fantasie zugleich testet und diszipliniert. Manche Motive wirken beinahe beiläufig und privat, andere tragen bereits alle Signaturen der später berühmten Aufnahmen in sich – nur in roher, noch unentschiedener Form.
Vom Polaroid zum ikonischen Bild
Ein besonderer Fokus der Schau liegt auf der Gegenüberstellung von Polaroids und den dazugehörigen finalen Fotografien, die Newton später auf klassischem Film produzierte. An ausgewählten Beispielen lässt sich verfolgen, wie sich eine erste bildnerische Idee über mehrere Polaroids hinweg verfeinert und wie sich Posen verschieben, am Ende jene strenge Klarheit entsteht, die Newtons Fotografien prägt.
Für ein Publikum, das Newton vor allem über großformatige Modebilder kennt, öffnet sich damit ein überraschend analytischer Blick auf die Genese dieser Bilder.
Der Ausstellungskatalog als Neuauflage
Flankierend zur Ausstellung spielt das 1992 bei Schirmer/Mosel erschienene Buch „Pola Woman“ eine wichtige Rolle, das 2020 neu aufgelegt wurde und ausschließlich Newtons Polaroid-Fotografien versammelt.
Die Neuauflage unterstreicht, dass die Sofortbilder längst als eigenständiger Werkkomplex wahrgenommen werden, der in Publikationen und Sammlungen entsprechend gewürdigt wird.
Bilder einer Ausstellung



































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Fotografie (Bildersammlung)
Hier gewinnt man einen Einblick in die Fotografie von Helmut Newton.
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